Die Gründung der ersten waffenstudentischen Pennalien in Oberösterreich

Von Helmut Golowitsch und Werner Neubauer

Die Gründungsgeschichte der Pennalien ist eng mit dem Gedankengut der Urburschenschaft und den Idealen von 1848 verbunden. 1813 brannten aus dem Gymnasium in Saaz in Böhmen zwei Schüler durch und schlossen sich dem Lützow‘schen Freicorps an. Sie gründeten nach ihrer Rückkehr 1814 eine Schülerverbindung im Geist der Freiheitskämpfer.

Die Gründung der Burschenschaft im Jahre 1915 fand auf den Gymnasien ein gewaltiges Echo. Ein Mitbegründer der Burschenschaft schrieb, von Jena sei „ein flammender Stern zum Himmel empor“ gestiegen, „sein Name war Burschenschaft“. Dies habe zu „deutschgesinnten Pflanzschulen“ geführt, die „gerade in den Zeiten der Bedrängnis den Fortbestand der Burschenschaft oft wesentlich gefördert haben“. 1815 entstand in Weimar die mutmaßlich erste burschenschaftliche Schülerverbindung, am Wartburgfest 1817 nahmen bereits zahlreiche Gymnasiasten als Zaungäste teil. 1819 stieß die Mainzer Zentral-Untersuchungskommission gegen die burschenschaftlichen „Umtriebe“ bereits auf zahlreiche Schülerverbindungen. Der spätere Burschenschafter Franz von Florencourt gründete am Gymnasium in Braunschweig 1819 einen geheimen burschenschaftlichen Bund, der sich, nachdem seine Mitglieder auf die Universität gekommen waren, sodann unter dem Namen „Jünglingsbund“ unter den Burschenschaften beachtlich ausbreitete und trotz der strengen Abschließung Österreichs sogar an den Universitäten, Gymnasien und Lyceen in Linz, Salzburg und Innsbruck Fuß fassen konnte.

Bald gab es in der ganzen österreichischen Monarchie von deutschem Freiheitsgeist getragene Schülerverbindungen, die von Metternichs Polizei und den Schulbehörden bis etwa 1825 wieder unterdrückt wurden, teilweise aber im Untergrund weiter bestanden. Solche burschenschaftlichen Zirkel bestanden an die Lyceen und Gymnasien auf dem Gebiete des heutigen Österreich in Linz, Innsbruck, Salzburg und Graz. Darüber hinaus in anderen deutschen oder teilweise deutschen Schulstädten der Monarchie: In Teschen, Troppau, Saaz, Prag, Olmütz, Brünn, Znaim, Nikolsburg, Meran, Bozen, Marburg und anderen.

In Wien war der genial veranlagte Tiroler Dichter Johann Senn einer der Wegbereiter der Burschenschaft. Er war bereits als Schüler im Wiener Stadtkonvikt Mitglied einer frühen Pennalie gewesen. Er studierte dann an der Universität in Wien und stand bald im Mittelpunkt eines kunstliebenden Bundes, der sich aus der pennalen Keimzelle des Stadtkonviktes gebildet hatte. Daraus bildete sich 1819 der Wiener Burschenschaftliche Kreis, die erste Wiener Burschenschaft, welche bereits die schwarz-rot-goldenen Farben trug. Zu diesem Kreis gehörte auch der Komponist Franz Schubert.

Als am 20. März 1820 der „burschenschaftlicher Comerce-Verein” – wie er im Polizeijargon genannt wurde – ausgehoben wurde, fand man ein Verzeichnis von mehr als 50 Mitgliedern, darunter neben Angehörigen der Universität auch Gymnasiasten und Lyceeumsstudenten.  Unter den beschlagnahmten Briefschaften befanden sich auch einige Briefe des Linzer Gymnasiasten Gustav Rechtmeyer aus dem Jahre 1818 an seine in Wien studierenden Freunde Josef von Vißa und Moritz von Pfliegl, aus denen überraschender Weise der Bestand eines burschenschaftlichen Vereines am Linzer Gymnasium hervorging. Die oberösterreichischen Behörden wurden in einem Schreiben des Polizeiministers Sedlnizky vom 25. März 1820 darüber in Kenntnis gesetzt, daß am Gymnasium in Linz eine Burschenschaft bestehe. Kein Außenstehender hatte vorher auch nur die geringste Ahnung davon gehabt. Im Gegenteil; der Linzer Polizeidirektor Josef von Hoch hatte noch vor kurzem an das Landespräsidium beruhigend berichtet: ”Das deutsche Burschenwesen hat ... hierlands nirgendwie Beifall gefunden, und es ist nicht die mindeste Spur irgendeiner Verbindung mit diesen Gesellschaften unter den Studierenden dieser Provinz vorhanden”.

Die sofort fieberhaft einsetzenden Untersuchungen förderten die Tatsache zutage, daß diese Vereinigung schon seit 1818 bestand.
Ein ihnen bekannter Regierungskonzeptspraktikant, namens Domenikus Pichler, der seine Studien an der bayerischen Universität Landshut absolviert und dort burschenschaftliches  Studentenleben kennengelernt hatte, führte die Gymnasiasten in die Gedankenwelt der deutschen Freiheitsbewegung ein. Er lehrte sie zuerst einige Burschenlieder, machte sie dann mit den politischen Zielsetzungen der Burschenschaft bekannt und berichtete über das Wartburgfest,  die Ermordung Kotzebues und anderes mehr.

Die Jungen beschafften sich weiße Mützen, trugen Ziegenhainer (Knotenstöcke, benannt nach dem Dorfe Ziegenhain bei Jena, mit den eingeschnittenen Buchstaben EFV - Ehre, Freiheit, Vaterland), benannten sich mit Coleurnamen und hielten, abwechselnd in verschiedenen Wirtshäusern „Kommerse“ ab, meistens aber am Rande von Linz, um nicht „aufzufliegen“.

Sie vom burschenschaftlichen Ideengut derart beeindruckt, daß sie sogar das Wartburgfest in ihrem Kreise nachahmten und diese Feier auf dem Schloß Wildberg im Haselgraben bei Linz abhielten.

Ihr Wahlspruch lautete: „Ein Gott, ein deutsches Schwert, ein deutscher Geist und Gerechtigkeit“.

Bei diesen Untersuchungen kam heraus, daß sie gelegentlich sogar auf einem ihrer Kommerse Carl Ludwig Sand, den Mörder Kotzebues, hatten hochleben lassen.

Im Dezember des Jahres 1822 mußte die Polizei erneut feststellen, daß wiederum Linzer Gymnasiasten in zwei Gasthäusern der Stadt in großer Anzahl (40 Teilnehmer) „kommersiert“ hatten.

Bald darauf verbot daraufhin die Polizei das Tragen von Ziegenhainern und der altdeutschen Burschentracht, die als Abzeichen der Burschenschaft galten. Diese Stöcke sollten beschlagnahmt und ihre Träger in Untersuchung gezogen werden.

Da Salzburg im Jahre 1816 zu Österreich gekommen war, wurde es nunmehr administrativ dem Lande Oberösterreich angeschlossen, weshalb die oberösterreichischen polizeilichen Anordnungen auch dort umzusetzen waren. Auch in Salzburg stieß die Polizei auf verdächtige burschenschaftliche Kreise. Am Lyceum bestand eine „Juvavia“, benannt nach dem lateinischen Namen Salzburgs, „iuvavum“. Dieser gehörte der nachmalige oberösterreichische  Heimatdichter Franz Stelzhamer an. (Linzer Tagespost, Bd. 7 vom 22. Nov. 1928) Diese Juvavia unterhielt auch freundschaftliche Beziehungen zu einer geheimen Lycealverbindung in Linz, deren Namen nicht mehr überliefert ist.

1822 gründete sich in Salzburg –  ebenfalls am Lyceum – eine „Teutonia“, welche am 29. Mai 1823 eine scharfe Mensur mit „Juvavia“ schlug. Die Polizei ermittelte scharf gegen die verfemte Burschenschaft und bezahlte sogar mittellose Schüler und Studenten, damit diese ihre Kommilitonen anzeigten. Die burschenschaftlichen Vereinigungen, auch jene auf den Gymnasien und Lyceen, gingen in den Untergrund. Einzelne Burschenschafter aber fielen doch hin und wieder auf.

So zog der Juvave Franz Stelzhamer, der spätere Dichter der oberösterreichischen Landeshymne,  im Dezember 1824 nach Graz, um dort Jus zu studieren. Entgegen allen polizeilichen Anordnungen tat er dies unbekümmert in altdeutscher Tracht, „über dem hellblonden Haar ein hochrotes ... Käppchen schiefgedrückt und in der Hand den schweren Ziegenhainer“. Er wurde deshalb auch polizeilich beanstandet (Hans Commenda: Franz Stelzhamer – Leben und Werk, Linz 1952, S. 42).

Als in Salzburg im Jahre 1842 das Mozartdenkmal enthüllt wurde, kamen zur Feier auch Angehörige der Münchner Burschenschaft „Germania“, die Freundschaft mit ihren Salzburger Kommilitonen schlossen und zur Wiederbelebung des burschenschaftlichen Lebens mit der Gründung des burschenschaftlichen Vereins „Iduna“ beitrugen. Zahlreiche Salzburger zogen sodann an die Universität Wien, wo sie sich an dem Aufbau der akademischen Vormärzburschenschaften Arminia und Liberalia beteiligten, welche maßgebend an der Auslösung der Revolution von 1848 beteiligt waren.

Als am 3. April 1848 die „Koalitionsfreiheit“ – die Freiheit, Vereine und Verbindungen zu gründen – errungen war, entstand in Wien eine weitere Burschenschaft „Libertas“, welche zahlreiche Lyceeumsschüler als „Spefüchse“ in ihren Reihen hatte. Die „Libertas“ ging schließlich in der Akademischen Legion auf, an einen Coleurbetrieb war angesichts der revolutionären und kriegerischen Ereignisse wohl nicht zu denken. Das gleiche Schicksal widerfuhr der Arminia und der Liberalia.

Die Niederschlagung der Revolution im Oktober 1848 brachte dann ohnedies für viele Jahre die erneute Verfolgung und Unterdrückung der burschenschaftlichen Bewegung.

Am 24. Juli 1849 erfolgte das Vereinsverbot, welches streng überwacht wurde. So wurde in Wien im Jahre 1854 ein Schüler des Akademischen Gymnasiums zum Tode verurteilt und sodann zu 25 Jahren Kerker begnadigt, weil er zusammen mit anderen Gymnasiasten eine Burschenschaft gegründet hatte.

In Salzburg hat laut Polizeiberichten noch 1852 eine burschenschaftliche Verbindung bestanden.

In Linz rührte sich gymnasiales Studentenleben bereits im Jahre 1857 wieder. So soll am Gymnasium eine Allemannia mit den Farben Schwarz-Weiß-Blau aufgetreten sein.

Die Wiedergeburt des Waffenstudententum und des burschenschaftlichen Gedankens in Österreich ist mit dem Jahr 1859 anzusetzen. Der unglückliche italienische Krieg war beendet. Die schmerzlichen Niederlagen von Magenta und Solferino drückten ebenso wie die andauernde innenpolitische Unterdrückung den Sinn des Volkes nieder.

Just in diesem Jahr schickte sich Deutsch-Österreich an, den 100. Geburtstag Friedrich Schillers, des Sängers der deutschen Freiheit, zu feiern.

Erstmals erlaubte der Polizeiminister Czapka wieder das Tragen von studentischen Abzeichen und Fahnen und so tauchten die alten Bänder und die deutschen Studentenmützen wieder auf. Ein Hauch der alten Burschenherrlichkeit wehte wieder durch Festzug und Festversammlung.

Zwei Tage nach dem großen Festaufzug, am 10. November 1859, gründeten 22 Techniker und Universitätshörer die heute noch bestehende älteste deutschösterreichische akademische Burschenschaft, die B! Olympia Wien.

Am 24. November 1860 folgte die Akademische Burschenschaft Silesia Wien, die auch zwei Neffen des Bauernbefreiers Kudlich zu ihren jungen Bundesbrüdern zählen durfte.

Der Neoabsolutismus war inzwischen durch eine liberale Regierungsform abgelöst worden. Es folgten in rascher Folge weitere Gründungen, neben den Burschenschaften entstand das gesamte vielfältige Korporationswesen, wie wir es heute kennen.

Die Wiederauferstehung des Burschensinnes und des Freiheitsgedankens hatte natürlich auch alle anderen Gebiete der Monarchie erfaßt. An allen deutschen und deutschsprachigen Universitäten des Vielvölkerstaates sprossen die Korporationen aus dem Boden. Wohl war der Freiheitsgedanke lange Jahre unterdrückt worden, jedoch die Wurzeln waren noch nicht verdorrt.

In Linz wurde 1866 im Gasthaus „Zur deutschen Eiche“ von 11 Oberrealschülern die pennale Burschenschaft „Quercus“ gegründet.

Bald tauchte am Linzer Gymnasium eine neue Verbindung auf, die sich zunächst „Eintracht“ nennt, bald aber den Namen „Germania“ annahm. Unter den Gründern war auch Norbert Hanrieder, der berühmte Mundartdichter, nach welchem die Hanriederstraße in Linz benannt ist.

Im Jahr 1867 verlegte die Linzer Germanen ihre Tätigkeit an die Universität Wien und gingen dort in dem von ihnen gegründeten „Oberösterreichisch-akademischen Verein Germania“, der späteren Akademischen Burschenschaft Oberösterreicher Germanen, auf.

Weitere Pennalien folgten: Academia, Concordia, Austria, Patria, Ostmark, Bajuvaria, Gothia, Amicitia, Nibelungia, Cheruskia, Markomannia, Wotan, Wiking, Teutonia, Herulia, Ostara, Heimdall, Saxonia und Hohenstaufen.  In Kremsmünster (Ottonia), Wels (Frankonia, Nibelungia – später Namensänderung in Alania und Hermania), Freistadt (Concordia, Gothia), Ried (Quercus, Germania) und Steyr (Quercus) entstanden ebenfalls Pennalien sowie zahlreiche Ferialverbindungen, von denen freilich manche nur von kurzer Dauer waren. Damals wurde das Fundament zu dem Waffenstudententum gelegt, wie wir es heute kennen, dessen Wurzeln aber in die Jahre des Wartburgfestes von 1817 und der Revolution von 1848 zurück reichen.

Als jeweils nach den beiden schrecklichen Weltkriegen unsere Bundesbrüder daran gingen, nicht nur ihre eigene berufliche Zukunft neu zu gestalten und die Heimat wieder aufzubauen, da vergaßen sie auch die Ideale ihrer Jugend nicht. Unter großen Opfern errichteten sie ihre – unsere – Bünde wieder und gaben die Ideale von „Ehre, Freiheit, Vaterland“ an die nächsten Generationen weiter. Dafür sei ihnen am Ende dieser Festschrift noch ein ehrendes Andenken gewidmet.

 

Literatur:

  • Oskar Waas: „Die Pennalie“, Graz 1967
  • N.N.: „Österreichischer Hochschulführer“, Graz 1960
  • „Wahr & treu, kühn & frei“, Burschenschaft Olympia (Hrsg.), Wien 1996
  • Hans Commenda: Franz Stelzhamer – Leben und Werk, Linz 1952

 


1848 – Revolution in Linz und dem „Land ob der Enns“ und die Rolle der oberösterreichischen Mittelschüler

von Werner Neubauer

 

Die Revolution des Jahres 1848 war vielschichtig und vielgesichtig.

Schon alleine die Tatsache, daß sie meist als „bürgerliche Revolution“ bezeichnet wird – was weitgehend zutrifft - zeigt, daß sie in einem so agrarisch bestimmten Land wie Oberösterreich ihren eigenen Verlauf nehmen mußte.

Die Bauern hatten am meisten durch die Revolution gewonnen. 1848 wurde die Grunduntertänigkeit und damit das jahrhunderte alte Feudalsystem aufgehoben. Diese Errungenschaft blieb auch nach der Niederschlagung der Revolution bestehen.

Die passive Haltung der Bauern trug aber wesentlich dazu bei, daß die Bewegung des Jahres 1848 zunächst einmal gescheitert ist, wenngleich die geistigen Errungenschaften der Revolution später unter einer liberalen Regierung zum Tragen kommen sollten. Das Staatsgrundgesetz von 1867 mit dem heute noch weitgehend gültigen Grundrechtekatalog beruht auf den Forderungen und Ideen von 1848. Der Kampf war – so gesehen – nicht vergebens gewesen.

Die Wiener Ereignisse im März 1848, die in Linz und Oberösterreich mit Spannung verfolgt worden sind, hatten auch im „Land ob der Enns“ zu revolutionären Äußerungen und Aktionen geführt.

 

Wie alles begann

Wiener Studenten und Professoren (Nicht alle stammten aus Wien, wie etwa  Dr. Anton Hye, Professor an der Wiener Universität, welcher aus Garsten stammte und später für den Wahlkreis Grein auch in die Deutsche Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche entsandt wurde) waren federführend bei der Auslösung der Revolution gewesen.

In Linz erfuhr man immer erst einen Tag später von den Ereignissen in der Hauptstadt. Angesichts der aufregenden Geschehnisse erwartete täglich eine große Menge den stets um die Mittagszeit eintreffenden Wien-Kurier. So feierten die Linzer erst am 15. März die am 14. verkündete Aufhebung der Zensur. Am Nachmittag sperrten die Geschäfte, und die ganze Stadt war auf den Beinen, um die Ereignisse zu besprechen und zu würdigen. Nach glaubhaften Berichten ertönten auf allen Plätzen und Gassen der Stadt den ganzen Tag über und bis in die Nacht hinein das Kaiserlied und andere patriotische Gesänge. Für die Aufrechterhaltung der Ordnung sorgten das Militär und die Bürgergarde noch gemeinsam.

Am 16. März wurde das kaiserliche Versprechen einer neuen Verfassung bekanntgemacht, worauf sich die Bürger spontan entschlossen, eine Delegation mit einer Dankadresse an den Kaiser nach Wien zu entsenden, obwohl man im Grunde genommen noch gar nicht wußte, wie die neue Freiheit aussehen würde. Nur unter dem Zwang der Ereignisse hatte damals der Linzer Bürgermeister Josef Bischoff, der Landespräsident Freiherr Philipp von Skrbensky und das Militär den Freudentaumel mitgemacht. Sie schwenkten vom Landhaus eine weiße Fahne, die anfängliche Farbe der Revolution, bevor nach wenigen Tagen die eilig genähten schwarz-rot-goldenen Fahnen, Schärpen und Bänder auftauchten.

In der Begeisterung über die Wiener Ereignisse fand an eben diesem 16. März ein Fackelzug in Linz statt, an dem neben den Bürgern und Nationalgardisten auch die Studierenden der höheren Klassen des Gymnasiums und des Lyceums (des späteren Akademischen Gymnasiums) teilnahmen.

Aus diesen Schülern entstand das Linzer Studentencorps, welches bereits am 20. März mit den Waffenübungen begann und welches sich zuletzt in Wien tapfer schlagen sollte.
An dem Gymnasium und Lyceum in Kremsmünster bildete sich ebenfalls aus den Schülern ein eigenes Corps.

Am 20. März tauchte ein anonymes Flugblatt auf, in welchem die Konstituierung einer Reichsversammlung gefordert wurde, deren Mitglieder aus freien Wahlen hervorgehen sollten, damit alle „Volkswünsche“ zur Sprache kommen könnten. Nur die alten Stände sollten von diesen Wahlen ausgeschlossen werden.

 

Soziale Forderungen

Erstmals wurden auch soziale Forderungen erhoben.

Der Polizei ging ein radikales Flugblatt zu, das zum offenen Aufstand aufrief und sich gegen die bekannten Kleinmünchner Tuchfabrikanten richtete.

Außerdem wurde die Aufhebung der Verzehrsteuer gefordert, einer Sondersteuer, die an den Stadteinfahrten eingehoben wurde und welche die Lebensmittel stark verteuerte.

Es gab selbstverständlich im ganzen Land das Problem der Armut breitester Kreise. Das zeigt auch, daß die wirtschaftlichen Ursachen der Revolution von 1848 nicht unterschätzt werden dürfen.

Veranschaulicht wird dies in einer dramatischen Aktion der Salzfuhrleute in Stadl bei Lambach, die im Revolutionsjahr einfach die Gleise der neuen Eisenbahn zerstörten, um auf ihre verzweifelte Situation aufmerksam zu machen.
Erwähnenswert ist auch die Hungerrevolte vom 31. Juli 1848 in Linz.

An diesem Tag wurde der auf dem Weg nach Frankfurt zur Nationalversammlung befindliche Reichsverweser Erzherzog Johann erwartet. Die ganze Stadt war auf den Beinen. Der ersehnte Gast kam nicht, und die Stimmung war bereits sehr gereizt, als am Abend der neue Fleisch- und Brotsatz angeschlagen wurde, der eine Verteuerung brachte. Erneut rotteten sich am Donauufer Arbeiter zusammen, die sich anschickten, Fleischereien und Bäckereien zu plündern. Der Linzer Baumeister Metz, Mitglied der Nationalgarde fing sie ab und wies darauf hin, daß die Preise vom Landespräsidenten festgelegt werden. Daraufhin zogen sie zum Landhaus, wo es zu einem Geplänkel mit der Nationalgarde und dem herbeigerufenen Militär kam. Im Zusammenhang mit diesen Ereignissen trafen mehrere anonyme Schreiben beim Magistrat ein, die von einer „Verschwörung“ der Arbeiterklasse zu melden wußten. Vielleicht dürfen wir hier die ersten Ansätze einer organisierten Arbeiterbewegung in Linz sehen.

 

Die Frage der deutschen Einheit

Im Vordergrund aber standen die großen politischen Ereignisse.

Nicht nur in Linz, sondern auch auf dem Lande herrschte offene Begeisterung für die deutsche Einheit, und nicht nur für den „gütigen“ Kaiser und die von ihm versprochene Verfassung. Die Geschichtsschreiber berichten, daß am 18. März nachmittags um 2 Uhr die Bürger Stadt Braunau in einem Festmarsch auf bayerisches Gebiet zogen, in der Mitte die rot-weiße Fahne der Stadt, an den Seiten die schwarz-gelbe des Kaisers und die weiß-blaue Bayerns. Sie überschritten die Grenze, gelangten bis nach Simbach, dem ersten Ort auf bayerischer Seite, begrüßten diesen mit Salutschüssen und kehrten anschließend nach Österreich zurück.

Es ist auch nicht uninteressant, daß der Festmarsch auf die Nachricht hin organisiert wurde, in Wien habe die Revolution gesiegt.
Am 22. März kam eine Linzer Delegation mit einer Dankadresse an die Wiener Studenten und mit einer Adresse an den Kaiser in Wien-Nußdorf an.

Mit ihnen gelangte eine Studentenabordnung des nach dem Vorbild der Wiener Akademischen Legion neu gegründeten Linzer Studentencorps, welche aus Lyceumsstudenten und Gymnasiasten, bestand, nach Wien. Sie wurden von einer Abordnung der Akademische Legion, welche sich vor allem aus Studierenden aus Oberösterreich zusammensetzte, begeistert empfangen und zur Universität geleitet.

Dort überreichten die Linzer Gymnasiasten folgende Dankadresse an die „Helden der Wiener Aula“: „Wir Studierende am Lyceum in Linz sind zwar schwach an Zahl, aber so stark als unsere Mitbürger an Vaterlandsliebe und Durst nach freier Geistesentwicklung. Empfanget freundlich alle von allen Linzer Studierenden den deutschen Handschlag und Bruderkuß! Linz, im März 1848“.

Am nächsten Tag folgte eine Audienz in der Hofburg beim Kaiser, dem eine Grußadresse überreicht wurde.

Diesen frühen Ereignissen des März 1848 sollten noch weitere Taten Linzer und oberösterreichischer Studenten folgen. Linz war eine der wenigen Städte der Monarchie, die dann im Herbst ein Freiwilligenkontingent in das von den Revolutionären verteidigte Wien entsandten.

Im Gegensatz zu Wien traten in Oberösterreich zunächst weder die Studenten (Gymnasiasten) noch die Arbeiter als revolutionäre Gruppen besonders in Erscheinung. Es hatte sich aber aus chaotischen Anfängen eine Nationalgarde gebildet, die es sich zur Aufgabe machte, in der Stadt für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Diese Garde hatte im 1790 gegründeten Bürgerkorps einen Vorläufer. Die Uniform wurde dem bürgerlichen Infanteriekorps nachgebildet. Da die Bürger längst keine Waffen mehr hatten, half eine Spende durch das Militär in der Höhe von 600 Gewehren über diese Verlegenheit hinweg. Der spätere Linzer Bürgermeister Viktor Drouot erließ als Chef des II. Bataillons der Nationalgarde die „Provisorischen Verhaltungen für alle Wache- und Patrouillendienste der Nationalgarde in Linz“. Das Urteil über die Effizienz der Garde ist in der zeitgenössischen Literatur naturgemäß sehr unterschiedlich ausgefallen. In bürgerlich gesinnten Zeitungen kommt sie grundsätzlich gut weg. In Flugblättern und Anschlägen mit demokratisch-republikanischem Einschlag wird jedoch der Dünkel von Gardemitgliedern beklagt. Dies vielleicht auch deshalb, weil ein Adeliger, Graf Weissenwolff, an der Spitze der Garde stand. Einige wenige Verhaftungen von Unruhestiftern wurden jedenfalls als „Heldentaten“ in Zeitungen glorifiziert.

Neben einer Nationalgarde bildete sich in Linz das bereits erwähnte Studentencorps, dessen wenig revolutionärer Kommandant Prof. Dr. Dominik Columbus war, der dieses Amt wohl nur deshalb bekleidete, um die Revolutionsbegeisterung in Grenzen zu halten.

Tatsächlich verlief das Revolutionsjahr in Linz und im ganzen „Land ob der Enns“ relativ friedlich, die schwersten Kämpfe wurden im Wortstreit ausgefochten. Unangenehm für die Betroffenen waren die sogenannten „Katzenmusiken“. Dabei wurde nach Einbruch der Dunkelheit vor den Wohnhäusern mißliebiger Personen ein Höllenspektakel gemacht. Einmal war sogar der bekannt reaktionäre Stadtpfarrkooperator Albert von Pflügel Opfer einer solchen Demonstration.

 

Schwarz-Rot-Gold in Linz

Hatten also im März der Bürgermeister von Linz und der Landespräsident noch gemeinsam eine weiße Fahne geschwungen so trat spätestens am 12. April eine neue Facette ans Tageslicht. Der gesamtdeutsche Gedanke trat mit den Farben Schwarz-Rot-Gold, den Farben der verfemten Burschenschaft, in den Vordergrund.

Die Nationalgarde und das Studentencorps (Gymnasiasten und Lyceumsschüler) tauschten bei einem feierlichen Aufzug auf dem Linzer Hauptplatz Nationalfahnen in Schwarz-Rot-Gold aus. Gleichfarbige Flaggen wehten ab diesem Tag auch von den Türmen des Rat- und Landhauses. Neben dem Kaiserlied erscholl immer häufiger Arndts „Was ist des Deutschen Vaterland?“ auf den Straßen.

Die Nationalgrade wurde mit Säbeln bewaffnet und marschierte unter dem Kommando des Hauptmanns Kreutzer auf den Hauptplatz, dicht gefolgt von der Studentenschaft. An ihrer Spitze der Männergesangsverein mit einer weißseidenen Fahne mit Lorbeerkranz, während die Studenten die deutsche Fahne voran trugen. In seiner Ansprache betonte der Sprecher der Studenten, Dr. Columbus, daß die Fahne lustig flattern möge: „Du Vorbild deutscher Einheit über unseren Zinnen, flattere hin nach Süd und Nord, nach West und Ost als steter, nie erlöschender Einigungspunkt.“

Die dargereichte Fahne übernahm der Buchhändler Fink für die Nationalgarde mit folgenden Worten: „Mit dem Gefühle der freudigsten Rührung ergreife ich diese deutsche Fahne, Bürger der Akademie! (Anmerkung: Das Lyceum bildete die Oberstufe des Gymnasiums. Dieses spätere Akademische Gymnasium lehrte auch Philosophie, Rechtskunde und andere auf das Universitätsstudium vorbereitende Fächer. Die Anstalt wurde auch mit dem Namen „Akademie“ bezeichnet und im Jahre 1807 vom Gymnasium getrennt, welches als gesonderte Anstalt weiter geführt wurde.) Sie geben hiermit ein erhebendes Zeichen ihres deutschen Brudersinnes, ihrer heißen Vaterlandsliebe, Ihrer Hingebung für die gute Sache, für Freiheit und Recht. Hoch flattere diese deutsche Fahne, als Symbol der Einheit, der Treue, des Brudersinnes. Hoch flattere sie und belebe den Mut, die Ausdauer, den Eifer für Wahrung der Konstitution, für Erhaltung unseres geliebten Vaterlandes. Geliebte Mitbürger! Verehrte Garden! Unser Gut, unser Blut ist dem Vaterlande geweiht. Alles für Gott, Vaterland und Kaiser“!

Die gesamtdeutsche Einstellung war bereits vorher bei den Beratungen der Landstände zutage getreten.

Am 20. März war an die ständischen Verordneten ein kaiserliches Schreiben um Hilfe ergangen. Sie sollten Vorschläge ausarbeiten und dem Bürgerstand einen Platz im städtischen Gremium einräumen. Dies eröffnete Adeligen wie auch Bürgern Möglichkeiten, wie sie seit dem 16. Jhdt. nicht mehr bestanden. Bald wurden Ausschüsse gebildet, um die wichtigsten Fragen zu beantworten. Sehr bemerkenswert ist nun die an den Kaiser abgesandte Adresse. Die Stände beriefen sich darin auf den „edelsten Kern deutscher Heldengeschlechter, aus dem die Provinz hervor gegangen ist.“ Diese hätten durch tausend Jahre die Schicksale Deutschlands getheilt und würden immer von ganzem Herzen deutsch bleiben.

Auch die Adeligen des Landes äußerten in diesem Schreiben bedauernd die Meinung, daß die österreichischen Erbländer „dem gemeinsamen deutschen Vaterlande entfremdet wurden.“
Ohne daß es expressis verbis gesagt wurde, wird in diesen wenigen Sätzen bereits die Furcht vor einer Slawisierung der Monarchie angesprochen.

Nach der Präambel folgten konkrete Vorschläge, wie die Teilnahme an der Gesetzgebung, der Anschluß „an unsere deutschen Brüder“, eigenständige Kommunalverfassungen etc.

Am 25. April, der Geburtstagsfeier des Kaisers, wurde in Wien die versprochene unzureichende Verfassung publiziert, die ein Zweikammernsystem vorsah, mit dem sich die Studenten und Arbeiter nicht einverstanden erklärten. In Linz hingegen schien man mit der erreichten „Konstitution“ zufrieden gewesen zu sein, verfolgte aber mit viel mehr Interesse die Wahl zur gesamtdeutschen Nationalversammlung in der Paulskirche in Frankfurt, in welche nach den Wahlen im April Oberösterreich schließlich 14 Abgeordnete entsandte.

 

Die Fahndung nach dem flüchtigen Kaiser

Mit der Sturmpetition vom 15. Mai erreichten die Aufständischen in Wien die Sistierung der unzulänglichen Verfassung und zwei Tage später wurde die Flucht des Kaisers nach Innsbruck bekannt. Die Nachricht von der Flucht war bereits nach Linz gelangt, und dort war nicht jeder bereit, sich damit abzufinden. Der Kaiser mußte deshalb die oö. Landeshauptstadt umgehen. Gleichzeitig wurde in Linz eine Delegation zusammengestellt, die nach Salzburg gehen sollte, um den Kaiser wieder nach Wien zurückzuholen.

Die Nacht verbrachten die kaiserlichen Flüchtenden in Salzburg. Im Morgengrauen mußte man weiterreisen, um nicht von der Delegation aus Linz erreicht zu werden. Das Staatsoberhaupt einer europäischen Großmacht stahl sich unter dem Pseudonym „Graf Kufstein“ über Bayern nach Innsbruck.

 

Erzherzog Johann in Linz

In Linz plante man, einen provisorischen Reichstag in der Stadt abzuhalten, die Mitglieder sollten nur von den Deutschen gewählt werden dürfen. Es wäre also ein Reichstag der deutschen Kronländer gewesen.

Auch eine Bürgerversammlung wurde für den 19. Mai einberufen, auf welcher die Entfernung der „unverantwortlichen Elemente vom Hof“ – also der Reaktionäre - gefordert wurde.

Am 3. Juli war in Linz das Schiff jener Delegation angekommen, die den künftigen deutschen Reichsverweser Erzherzog Johann von Wien nach Frankfurt holen sollte. Die Abgeordneten wurden festlich empfangen, und einer von ihnen verkündete am Abend vom Fenster des Gasthauses zum „Goldenen Löwen“ (Hauptplatz 19) den Ausspruch Erzherzog Johanns: „Kein Österreich, kein Preußen, kein Sachsen - ein großes einiges Deutschland!“ Als dieser 14 Tage später in Linz übernachtete, wurde ihm ein überwältigender Empfang bereitet, wobei die weißgekleidete weibliche Jugend mit Blumen und schwarz-rot-goldenen Bändern im Haar Spalier stand. Zur selben Zeit wurden in Linz die berühmten „Briefe des Poldl Blitz“ herausgegeben. Georg Fleischer veröffentlichte dieses satirische Blatt zweimal pro Woche und prangerte darin im ersten Schwang der Ereignisse alle Mißstände in witziger Form ungeschminkt an.

Des weiteren entstanden durch die ausgerufene Pressefreiheit noch die „Linzer Zeitung“, das „Volksblatt“, der „Kapithelbote“ sowie „Der freie Linzer Postillon“. Der Postillon hatte im Studenten Franz Oberneder einen sehr tüchtigen und mutigen Redakteur, der auch den ersten Presseprozeß in Linz durchstehen mußte. Die Beschlagnahme von Druckschriften, deren Zahl durch die vorübergehende Pressefreiheit von 1848 stark angestiegen war, Verhaftungen vor allem in den Kreisen ehemaliger radikaler Demokraten und die Überwachung verdächtiger Personen durch den Polizeiapparat prägte das Leben der folgenden Jahre nach der Revolution.

 

Wiener Revolutionäre und Reaktionäre in Linz

Am 19. April war der Geburtstag des Kaisers, der aufgrund der Feiertage jedoch erst am 24. und 25. April gefeiert wurde. Studierende der Wiener Universität kamen nach Linz zu Besuch und eine Anzahl von Nationalgarden veranstaltete ihnen zu Ehren ein Festmahl im Redoutensaal, in welchem das lebensgroße Bild des Kaisers aufgestellt und von zwei schwarz-rot-goldenen Fahnen umweht war. Auch von der Decke flatterte eine solche herab.

Am 27.5. langte eine Deputation Wiener Literaten mit dem Dampfboot in Linz ein. Unter Vorantragung einer schwarz-rot-goldenen Fahne marschierten sie zum städtischen Redoutensaal. Unter ihr befanden sich Friedrich Hebbel, Prechtler, Wildner und der Humorist Saphir. Sie trugen Schärpen mit deutschen Farben und Abzeichen an der Brust. Sie verblieben zwei Tage, sammelten Unterschriften für eine Petition und reisten schließlich nach Innsbruck, um den Kaiser zur Rückkehr nach Wien zu bewegen.

Auch in Schärding kam es zur Gründung einer Nationalgarde, welche 147 Mann zählte. Zum Kommandanten wurde der Kaufmann Salzinger, zu Offizieren die Bürger Kyrle jun., Weber und Dosch gewählt.
Am 25. Mai hatte der niederösterreichische Regierungspräsident Graf Montecuccoli über Auftrag des kaiserlichen Ministerrates das Auflösungsdekret  der Akademischen Legion in Wien unterzeichnet, was mit Empörung zur Kenntnis genommen wurde. Schließlich hatte der Kaiser selbst die Legion sanktioniert. Man beugte sich der ministeriellen Anmaßung nicht und die Legion löste sich nicht auf. Das Verbot mußte zurück genommen werden. Vielmehr mußten Montecuccoli und sein Vertrauter, Graf Breuner, fliehen. In Linz suchten sie nun unter falschen Namen Unterschlupf. Man hatte ihre Anwesenheit und die wahre Identität jedoch bald entdeckt und es erschien ein Plakat an die Bewohner von Linz, „solchen Creaturen dürfe die Provinzhauptstadt des schönen deutschen und treuen Landes kein Asyl bieten“.

Wie groß das Interesse an den politischen Ereignissen der damaligen Zeit war, geht auch aus dem Umstand hervor, daß Innviertler Bauern sich an den Wiener Sicherheitsausschuß, mit der Bitte um Aufklärung wandten, da im Innviertel abenteuerliche Gerüchte hierüber verbreitet wurden. So erzählte man sich, in Wien sei ein derartiges Blutbad angerichtet worden, daß sich die Pferde im Blute hätten baden können. In Aufzeichnungen ist nachzulesen, daß in weiterer Folge eine Innviertler Deputation sich nach Wien begab, um sich dort über den wahren Stand der Dinge zu unterrichten.

Am 12. Juni verkündeten Plakate abermals die Ankunft einer Deputation von Wiener Nationalgarden in Linz. Nach den mittlerweile gängigen Verbrüderungsfeiern verließ die Abordnung am 14. Juni die Landeshauptstadt. Ein Zwischenfall machte diesen Besuch jedoch dennoch erwähnenswert.

Mehrere oberösterreichische Soldaten wandten sich nämlich an die Wiener Deputation mit der Bitte, die Wiener mögen Schritte wegen endlicher Beseitigung der Prügelstrafe in der Armee tun. Diese Forderung war somit erstmals im Revolutionsjahr gestellt worden.

 

Erzherzog Johann wird Reichsverweser – Der Kaiser in Linz

Am 18. Juni fand am Linzer Hauptplatz eine Fahnenweihe der Nationalgarde statt, bei der ein Konzert des Musikvereines mit vielen deutschen Liedern von der Bevölkerung gefeiert wurde. Allgemein wurde das schwarz-rot-goldene Band im Knopfloch getragen, und wer es nicht trug, wurde für einen Reaktionär gehalten.

In Frankfurt war mittlerweile Erzherzog Johann zum deutschen Reichsverweser ernannt worden, was auch in Oberösterreich zu großem Jubel führte.

Am 3. Juli erreichten sieben Abgeordnete der deutschen Nationalversammlung Linz, welche den Auftrag hatten, dem Erzherzog die freudige Kunde zu überbringen. In Reden wurde ein einiges, starkes Deutschland beschworen.

Am 16. Juli, also zu jenem Zeitpunkt, als der frisch ernannte Reichsverweser Erzherzog Johann anläßlich einer Durchreise in Linz übernachtete, wurde in Linz von der radikalen Partei - „Die Demokraten“ - ein neuer „Verein zur Bildung des Volkes und Wahrung seiner Rechte“ gegründet. Für 29.Juli war die Gründerversammlung im heutigen Cafe Traxlmayr festgelegt.

Im eher gemäßigten Linz fanden aber nie mehr als 100 Mitglieder zu diesem Verein, so daß er wieder in der Bedeutungslosigkeit versank.

Neben diesem Verein bildete sich ein Verein der „Radikalen“.

Dieser organisierte auch am 26. Juli eine Volksdemonstration, bei der zahlreiche politische Reden geschwungen wurden.

Am 11. August erreichte der Kaiser, der wieder aus seinem Innsbrucker Exil vorübergehend nach Wien zurück kehrte,  Linz und es wurde ihm ein triumphaler Empfang bereitet. Ein Mißton trübte jedoch die Festlichkeiten. Die Landespräsidentin Baronin von Skrbensky, hatte versucht, den weißgekleideten Damen, die schwarz-rot-goldene Bänder trugen, diese abzunehmen und durch schwarz-gelbe zu ersetzen. In einem öffentlichen Anschlag hieß es darauf: „Wir Bürger von Linz sind deutsch und wollen dieses unser heiliges Recht uns mit aller Gewissenhaftigkeit bewahren. Wir suchen mithin Schutz gegen unsere gefährlichen Feinde, welchen die deutschen Farben und also auch die deutsche Gesinnung, deren Abzeichen sie sein sollen, verhaßt sind.“
Zur selben Zeit bildete sich auch in Steyr ein Bürgerverein, dessen Mitglieder den Kreisarzt Armin zum Präsidenten wählten.

Der 16. August brachte den Linzer Bürgern ein interessantes Plakat: „An die Bewohner Oberösterreichs“. Es forderte zu Beiträgen zwecks Schaffung einer deutschen Flotte auf. Das war jene berühmte „deutsche Flotte“, die damals aus freiwilligen Beiträgen in ganz Deutschland gebildet wurde, und die dann ein jämmerliches Ende fand, als die stolzen Schiffe nachher öffentlich versteigert wurden.

Während dessen veranlaßten die Heldentaten des oberösterreichischen Zehnten Jägerbataillons in Italien den Linzer Gemeinderat zu Jubelstürmen. Gleichermaßen wurden die militärischen Erfolge in Steyr, Haslach und Ried/I gefeiert. Radetzky lobte in einem Schreiben an den Gemeinderat von Steyr in seinem Quartier in Mailand die oö. Soldaten: „Eure Söhne“, schrieb er, „sie waren die Tapfersten unter den Tapferen“!

Ein Tagesbefehl des Nationalgarde-Oberstleutnants Grammonts vom 26. August zog nun aufgrund zahlreicher Beschwerden höchstrangiger Persönlichkeiten (wer sonst?) gegen Katzenmusiken zu Felde. So recht wollte dies aber nicht gelingen, weil selbst unter den Nationalgarden Beteiligte ausfindig gemacht wurden.

Am 22. August hatte der deutschnationale Angehörige einer frühen Salzburger Studentenverbindung (Verbindung Iuvavia) und Dichter der oberösterreichischen Landeshymne Franz Stelzhamer im Landschaftlichen Theater in Linz einen Vortrag gehalten und seine „Streitgedichte“ vorgetragen, begleitet von großem Applaus.

Am 4. September hatte Graf Weissenwolff als Gardekommandant resigniert. Zwar wurde nochmals ein Nachfolger gewählt, der Verfall der Linzer Nationalgarde war aber wohl auch wegen der Entwicklung in Wien nicht mehr aufzuhalten.

Eine der letzten wesentlichen Forderungen der oberösterreichischen Revolution, war ein Ansinnen des sogenannten Innviertler Kreises in Ried unter der Leitung Rapolters nach Erlaß einer Gewerbeordnung. Dieser beherzte Gewerbetreibende setzte sich in seiner Schrift mit dem Titel „Gewerbefreiheit? An die Gewerbetreibenden des Innkreises!“, mit der Thematik bzw. der Situation der Gewerbebetriebe auseinander und gelangte dabei zur Ansicht, daß die Gewerbefreiheit den Ruin des größten Teiles der Gewerbetreibenden nach sich ziehen müßte. Rapolter brachte diesbezüglich sogar einen Antrag am 27. September im oö. Landtag ein, der aber keiner Behandlung mehr zugeführt wurde.

Der „Verein zur Wahrung der Volksrechte“ erließ am 27. September eine Kundmachung, daß am 2. Oktober ein feierliches Requiem für die seit den Märztagen gefallenen Freiheitsopfer in der Linzer Stadtpfarrkirche abgehalten werde. Weiters sandte der Verein am 20. September eine Deputation von 6 Abgeordneten nach Wien, um der Akademischen Legion, den heldenmütigen Bürgern Wiens und verschiedenen Vereinen die Gefühle der Anhänglichkeit der Linzer auszusprechen. Eine Anzahl von Persönlichkeiten, denen dieser Verein oder dessen leitende Persönlichkeiten zu bedenklich schien, sammelten sich daraufhin zur Gründung eines konstitutionellen Vereines und erließen an die Bevölkerung einen diesbezüglichen Aufruf. Eine Gründung selbst konnte aus Mangel an ausreichenden Mitgliedern nicht erfolgen. Im Gegensatz dazu erschien ein Plakat des Vereines für Volksrechte mit folgendem Inhalt: „Trau! Schau! Wem!  Wir wollen Schwarz-Rot-Gold – und vollenden, was wir begonnen! Einer im Namen aller Deutschgesinnten“.

Das Ende naht – Die freiwilligen Linzer Gymnasiasten und Lyceumsstudenten ziehen in den Kampf

Am 24. September feierte die Nationalgarde von Wels ihre Fahnenweihe, die in Anwesenheit der Garden von Steyr, Lambach, Gmunden, Linz u.a. stattfand. Es nahte der Monat Oktober, welcher das Ende der Revolution und damit auch das Ende der 1848er Bewegung in Linz und im ganzen „Land ob der Enns“ brachte. Als die kaiserlichen Truppen am 28. September nach Ungarn eilten, wo Lajos Kossuth zum Präsidenten des Landesverteidigungs-Ausschusses gewählt worden war, brach am 6. Oktober 1848 in Wien neuerlich ein blutiger Aufstand aus, dem Kriegsminister Latour zum Opfer fiel. Ein Aufstand, der aber schließlich mit der Erstürmung der Stadt durch die Armee des Fürsten Windischgrätz ein Ende finden und das Ende der Revolution bedeuten sollte.

Man ahnte, daß nun der eigentliche Kampf bevorstehe. Einerseits wurden daher in den Provinzen die Freunde der alten Ordnung wieder mutiger, andererseits trat die radikale Richtung ebenfalls immer mehr hervor. Ein Vertreter dieser Radikalen war der aus Linz-Urfahr stammende Matthias Nißl.

Die Gefahr einer kriegerischen Auseinandersetzung war jedoch in Linz nicht gegeben. Der Schauspieler Ulram veröffentlichte eine Flugschrift mit folgendem Titel: „Wiens 4. Revolution oder der Sieg des Volkes über die Schwarz-Gelben“.

Am 2. Oktober fand nun in der Stadtpfarrkirche das bereits zitierte Requiem für die gefallenen Freiheitskämpfer statt. Zwei Garden und 2 aus Linz stammende Vertreter der Akademischen Legion hielten Ehrenwache. Die Mehrheit der Nationalgarde war jedoch bereits nicht mehr in voller Adjustierung oder gar nicht erschienen. Ebbte also in Linz die Begeisterung für die deutsche Revolution offenbar langsam ab, so herrschte im Grenzraum des Innviertels noch helle Begeisterung dafür. Die Waffenbrüder aus Ried erregten  durch eine Veranstaltung, an welcher Freikorps aus dem bayerischen Simbach und aus Braunau teilnahmen, und bei der Lieder, wie „Das deutsche Vaterland“ gesungen wurden, große Aufmerksamkeit.

In Wien sollte aber auch ein aus Oberösterreich und Niederösterreich rekrutierter regulärer Truppenkörper der Armee Revolutionsgeschichte schreiben. Am 6. Oktober sollte das Grenadierbataillon Richter (nach seinem Kommandeur Major Richter  benannt) nach Ungarn abgehen, um dort die Revolution niederzuschlagen. Die Einwaggonierung sollte in Floridsdorf geschehen. An der Taborbrücke stellten sich die Akademische Legion, Nationalgarden und Arbeiter in den Weg. Die Grenadiere, die zum Teil  schwarz-rot-goldene  Abzeichen angesteckt hatten, verbrüderten sich mit den Revolutionären und verweigerten den Abtransport nach Ungarn. Als andere Truppeneinheiten auf das Volk zu feuern begannen, kehrten die Richter-Grenadiere ihre Gewehre um und reihten sich in die Nationalgarde ein. Dies löste den blutigen Beginn der Oktoberereignisse aus.

Nachdem am 8. Oktober eine Linzer Delegation von Wien zurückgekehrt war und über den bevorstehenden Endkampf berichtet hatte, wurde im Gemeinderat die Forderung zur Organisation eines Landsturms erhoben.

Am 7. Oktober erließen Wiener Studenten eine Aufforderung im „Linzer Postillon“, die Oberösterreicher mögen am Kampfe in Wien teilnehmen. Der Aufruf lautete: „Bürger! Die Minuten sind kostbar! Eilt zum Befreiungskampfe! Wien wird und muß siegen. Es gilt den Kampf für die Freiheit des Volkes. Darum auf, ihr Kämpfer, nach Eurem bedrohten Wien! In kürzester Frist erwarten Euch zuversichtlich mehrere Studenten, Mitkämpfer an der Seite Eures tapferen Landsmannes!“.
Dieser Aufruf hatte auch Erfolg. Die Abreise der Freiwilligen aus der Nationalgarde und dem Studentencorps war für den 16. Oktober bestimmt. Früh morgens um 7 Uhr brach die Kompanie vom Donauufer nach Wien auf. Die gesamte Freiwilligeneinheit  bestand schließlich aus 205 Mann Gardisten und 32 Gymnasiasten und Lyceumsstudenten. Hauptmann war Franz Nißl, der seine Führerschaft auch mit seinem Blute bezahlen sollte. Die Freiwilligen führten eine Fahne in den deutschen Farben mit, auf welcher die Inschrift: „Deutschlands Freiheit!“ angebracht war. Sonst trugen die Freiwilligen verschiedene Kokarden, meistens jedoch Schwarz-Rot-Gold.
Unter der Führung von zwei Linzer Professoren schlossen sich auch noch 40 Studenten und Schüler aus Salzburg an und reisten mit dem Dampfboot nach Wien (dazu ist festzuhalten, das zur damaligen Zeit Salzburg administrativ zu Oberösterreich gehörte).

Ab diesem Zeitpunkt war die Lage in Oberösterreich von großer Nervosität geprägt, weil man nur spärlich Nachrichten von Wien erhielt. Manchmal hieß es, die „deutsche Sache“ hätte gewonnen, dann wieder „die Reaktion“ hätte Oberhand erlangt. Die Garnison in Linz wurde jedenfalls verstärkt und die Garde erhielt Bereitschaft. Freiherr von Grammonts, der Kommandant der Linzer Nationalgarde spielte jedoch ein besonders übles Spiel. Hatte er am Linzer Hauptplatz die Freiwilligen noch mit großen Worten verabschiedet, so wandte er sich gleichzeitig an Herrn Oberst Pott aus Stein an der Donau, mit der Bitte, der Nationalgarde und dem Studentencorps den Weg nach Wien zu versagen. Diese Hinterlist schlug jedoch fehl. Der versuchte Verrat hingegen verursachte in Linz größte Aufregung.

Am 17. Oktober forderten die „Radikalen“ in Linz die Zusammenstellung einer mobilen Volkswehr. Der Landespräsident zeigte jedoch für diese Forderung kein Verständnis. Währenddessen wurde Linz die Zufluchtsstätte von Flüchtlingen aus Wien und diese brachten auch die ersten Nachrichten über die Linzer Freiwilligen mit. Diese wurden in Wien in die Mobilgarde, die Elitetruppe der Nationalgarde, eingereiht, welche sich im Lager am Belvedere-Platz befand. Georg Fleischer, der sogenannte „Blitz-Poldl“ berichtete über die Geschehnisse in Wien.

Am 19. Oktober langte die erste offizielle Nachricht über die Ankunft und das weitere Auftreten der Linzer Legion in Wien beim Kommando der Nationalgarde in Linz ein. Demnach war das Hauptquartier der Linzer der Gasthof zum „Goldenen Kreuz“ in der Mariahilferstraße. Ebenso wurde berichtet, daß sich drei Tiroler Schützen der Truppe angeschlossen hatten.

Am 17. Oktober trafen die demokratischen Abgeordneten zur Deutschen Nationalversammlung, Robert Blum ( Burschenschafter) und Fröbel in Wien ein, um die Verteidiger anzufeuern. Robert Blum und Fröbel waren im Auftrag der radikalen linken Fraktion gereist und hatten sich in Wien sofort in die Schar der Kämpfer eingereiht.

 

Der Endkampf – Die Linzer im Feuer

Am 26. Oktober begann das Bombardement auf Wien auf Befehl des  Oberbefehlshabers der kaiserlichen Armee, Fürst Alfred von  Windischgrätz, dessen Truppen durch die Kroaten des kaiserlichen Feldmarschalleutnants und Banus  von Kroatien und Slawonien, Josef Graf Jellacic, verstärkt wurden.

Die Kämpfe waren blutig, ganze Stadtviertel gingen unter dem kaiserlichen Artilleriefeuer in Flammen auf.

Am härtesten tobte die Schlacht am 27. Oktober am Praterstern. Dies war die Schlüsselstelle, von wo der kürzeste Zugang in die Innenstadt gewonnen werden konnte. Daher konzentrierte sich die Wucht des Angriffes auf diesen Abschnitt.

Mehr als 30 Geschütze überschütteten die Verteidiger mit einem Hagel aus Vollkugeln und Hohlgeschossen (Granaten). Im Nahkampf wurden Kartätschgeschosse eingesetzt. Bald brannten ganze Häuserzeilen.

Am Praterstern kommandierte kaltblütig, auf einem Feldstuhl im Kugelhagel sitzend, der polnische General Bem, der sich der Revolution in Wien angeschlossen hatte, die Verteidiger. Unter seinem Kommando kämpfte, wie der Chronist zu vermelden weiß, „die Blüthe der Kämpferschaft, ein buntes Gemisch von Gliedern des Elitecorps, Legionären, Mobilen, Linzer und Grazer Zuzüglern.“ (Moritz Smets: „1848. Geschichte der Wiener Revolution“, Wien 1972, S. 642).

Die Sternbarrikade wurde nur so lange gehalten, bis die eigentlich starke Auffangstellung, die weiter rückwärts liegende Sterngassenbarrikade in aller Eile fertig gestellt war. Wer diese Stellung angreifen wollte, geriet in das frontale Feuer der Barrikade und in das flankierende Feuer aus den Häusern der Jägerzeile. Genau dies hatte Bem beabsichtigt. Er zog nun die Verteidiger auf diese Barrikade und in die flankierenden Häuser zurück. Auf der Barrikade ragte aus den aufgeschichteten Pflasterwürfeln ein Laternenmast empor. Auf diesem wehte die schwarz-rot-goldene Fahne. Der Endkampf entbrannte mit voller Wucht.

Das Infanteriebataillon Schönhals wurde zum Sturm gegen die Barrikade vorgeworfen. Die Verteidiger ließen die Angreifer bis auf hundert Schritte herankommen, dann fetzten auf ein Zeichen des General Bem die fünf Geschütze der Barrikade mit Kartätschen unter die Angreifer und die Salve der Verteidiger fegte in die Reihen des Bataillons. Nun bedeckten Sterbende und Tote das Pflaster. Die Reste der Sturmkolonnen mußten einen eiligen Rückzug antreten.

Nun ließ der an diesem Abschnitt die kaiserlichen Truppen kommandierende Feldmarschalleutnant Ramberg verstärkt Artillerie auffahren. Ein rollendes Dauerfeuer bestrich die ganze Jägerzeile. Wohl riß eine Kartätsche die deutsche Fahne von der Barrikade, sie wurde im feindlichen Feuer wieder aufgepflanzt. Die aus Pflastersteinen aufgetürmte Barrikade widerstand dem Geschützfeuer.

Daraufhin befahl FML Ramberg den Infanterieabteilungen im Inneren der Häuser links und rechts der Jägerzeile vorzugehen. Die Hauswände wurden durchbrochen und die Infanterie kämpfte sich Haus um Haus vorwärts. Im Inneren der Häuser tobte ein mörderischer Nahkampf, Gefangene wurden nicht gemacht. Es konnten jedoch nur einige wenige Häuser genommen werden, zwei mit rasendem seitlichen Abwehrfeuer bestrichene Quergassen behinderten das Vordringen.
FML Ramberg befahl also einen neuerlichen Sturmangriff durch die Jägerzeile. Diesmal wurden die Reste der Schönhals-Infanterie durch Grenadierabteilungen unterstützt.

Es gelang ihnen nicht, bis auf Bajonettkampfdistanz an die Barrikade zu gelangen. Wiederum brach der Angriff zusammen.

Neue Kolonnen traten zu einem dritten Sturmangriff an, auch sie bluteten im Abwehrfeuer aus, das ihnen von der Barrikade und aus allen Fenstern und Dachluken entgegen schlug. Es war für beide Seiten ein blutiger Tag.

Um 6 Uhr abends ließ FML Ramberg die Schönhals-Infanterie, die Deutschmeister-Grenadiere und die Mazzuchelli-Grenadiere zum letzten Sturm antreten. Wiederum setzten ihnen die Verteidiger Tod und Verderben speienden Widerstand entgegen. In den Nachbarabschnitten waren jedoch die kaiserlichen Sturmkolonnen durchgebrochen, so daß die Verteidiger der Jägerzeile flankierend hätten umgangen werden können. Von der Gefahr des Abgeschnittenwerdens im Rücken bedroht, befahl General Bem die Räumung der Sterngassenbarrikade. Jeden Fußbreit des von den Kaiserlichen gewonnenen Bodens mit Blut tränkend, zogen sich die Verteidiger unter Mitnahme ihrer Kanonen über den Donaukanal zurück. Die geräumte Barrikade fiel nun in die Hand der Kaiserlichen. Die Leopoldsstadt war damit verloren, das Schicksal Wiens besiegelt.

 

Die Wut der Sieger

Nun standen die kaiserlichen Truppen knapp an den Wällen der Innenstadt, die kaum zu verteidigen war. In den eroberten Vorstädten wüteten die Soldaten. Der Oberkommandierende, Fürst Windischgrätz, legte der Siegestrunkenheit und der Rachsucht seiner Soldaten keinerlei Fesseln an. Unter den Soldaten fanden sich Angehörige aller Nationalitäten der Monarchie, für welche Wien nichts anderes als eine der vielen eroberten Städte war, wie sie die kaiserlichen Heere in zahlreichen Feldzügen eingenommen hatten. Vor allem hatten viele für ihre Tapferkeit ebenso wie für ihre Grausamkeit bekannte kroatische Einheiten an den Kämpfen teilgenommen. Der Oberst einer Jägerkompanie hatte seinen Männern befohlen, „das Kind im Mutterleibe nicht zu schonen“, sobald sie nach Wien kämen.

Entsprechend benahmen sich nun die Sieger. „Ihre Mordlust raste unter ganz Wehrlosen. Kinder wurden auf Bajonette gespießt und ins Feuer geworfen, Weiber und Mädchen geschändet, ihnen die Brüste abgeschnitten und die Bäuche aufgeschlitzt . Aus den Stätten der Verwüstung erscholl, vom Gläserklang thierischen Saufgelages begleitet, das wilde Gejohle racheschnaubender Sieges- oder Spottlieder über das niedergezwungene Wien. Insonderlicher Beliebtheit erfreute sich die Strophe“:

„Der Soldat ist ein Herr,
Der Kaiser ist mehr,
Die Studenten sind weg,
Der Bürger ist ein Dreck!“.

(Moritz Smets: „1848 - Geschichte der Wiener Revolution“, Wien 1972, S. 643f).

Wien brannte und bot in der Nacht einen schaurigen Anblick. Am 31. Oktober wurde die Innere Stadt mit Artillerie beschossen, es war, als breche der Jüngste Tag an. Vollkugeln, Mörserbomben, Granaten, Brandgeschosse und Raketen schlugen ein, von den Dächern und Mauern kollerten hagelartig die einschlagenden Kugeln herunter. Dächer stürzten ein, Mauern barsten. Inmitten dieses Infernos  loderten nun die Brände im Herzen Wiens auf.

Am Abend des 31. Oktober brach das erste Kroatenbataillon durch das zerschossene Burgtor ein. Dann brach die Masse der Truppen in die Stadt.
Noch bevor die Standgerichte zu tagen begannen, wurden zahlreiche gefangene Verteidiger summarisch in den Gräben vor der Stadt erschossen, der Rest, soweit er nicht flüchten konnte, gefangen genommen.

Die Verteidiger hatten an die 4 000 Mann verloren. In dieser Zahl sind die massakrierten Zivilisten nicht inbegriffen. Die Kaiserlichen hatten den Verlust von 56 Offizieren und 1142 Soldaten zu beklagen.

Auf dem Stefansturm wurde wieder die schwarzgelbe Fahne gehißt, das Standrecht wurde ausgerufen und dann wurde Haus um Haus nach Kämpfern durchsucht, die in die Gefängnisse und Kasematten der Festungsgräben eingeliefert wurden, um dort auf das Standgericht, auf den Strick, Pulver und Blei oder jahrelange Festungshaft und Zwangsarbeit zu warten.

Am 9. November wurde der Abgeordnete zur Deutschen Nationalversammlung, der Burschenschafter Robert Blum, standrechtlich erschossen. Bis zum 9. Mai 1949 währte die entsetzliche Tätigkeit des Militärgerichtes als deren Resultat sich eine Liste von 145 Verurteilungen ergab, worin das „Hängen“ und „Erschießen“ mit „schwerer Festungshaft“, „Schanzarbeit“, „Stockhausarrest“ und „Gassenlaufen“ abwechselte. Daraufhin nahmen die Zivilgerichte ihre Tätigkeit auf.

 

Die Heimkehr der Linzer

Im Jahre 1835 war der gebürtige Wiener Dr. Carl Wiser nach Linz übersiedelt, wo er als Rechtsanwalt tätig wurde. 1848 machte er sich um die Aufstellung der Wiener Nationalgarde verdient. Im Juni 1848 wurde er zum Abgeordneten der des österreichischen Reichstages, der in Kremsier tagte, gewählt und blieb bis dessen Auflösung dessen Sekretär. Er war mit Hans Kudlich befreundet und unterstützte dessen Pläne zur Bauernbefreiung. Bei einer Audienz bei Kaiser Ferdinand wies er darauf hin, daß für den bedrängten Bauernstand eine Erleichterung geschaffen werden müsse.
Dr. Carl Wiser war ein entschiedener Gegner der aussichtslosen Oktoberrevolution und versuchte, mäßigend zu wirken. Die ermöglichte es ihm, sich nach der Niederschlagung der Revolution bei dem Sieger Fürst Windischgrätz für die gefangenen oberösterreichischen Nationalgardisten und Angehörigen des Studentencorps einzusetzen, welche die Kämpfe überlebt hatten, nicht mehr fliehen konnten und nun in den Kasematten des Stadtgrabens ihres düsteren Schicksals harrten. Dr. Wiser erwirkte, daß diese von dem Standgericht verschont, ungehindert nach Hause ziehen konnten. So kehrten 98 Gardisten und Lyceumsschüler wieder nach Linz zurück. Die Linzer Freiwilligen hatten 3 Tote und mehrere Verwundete zu beklagen. Den Überlebenden blieb das Standgericht erspart. Somit hielt sich der Blutzoll der Linzer, die aber tapfer an dem Brennpunkt der Schlacht gekämpft hatten, in Grenzen.

Dr. Carl Wiser blieb in der Zeit der Reaktion der Politik fern. Mit dem Anbrechen der liberalen Epoche wurde er 1861 in den Reichstag gewählt und gehörte auch dem oö. Landtag und dem Linzer Gemeinderat als Mitglied an. Von 1873 bis 1885 war der deutschliberale Politiker Bürgermeister der Landeshauptstadt Linz.

 

Was blieb von der Revolution ?

Hans Kudlich, der Bauernbefreier, flüchtete, nachdem seine Werbefahrt für Freiwillige Kämpfer vor allem im Raume Gmunden, bei den Bauern auf keinen fruchtbaren Boden gefallen war, nach der Aufhebung des Reichstages in Kremsier in die Schweiz. Dort studierte er Medizin und ließ sich schließlich als Arzt in Hoboken in den Vereinigten Staaten von Amerika nieder.

Dort trat er für die Erhaltung des Deutschtums unter den Deutschamerikanern ein und half, deutsche Schulen und Vereine zu gründen. Er war ein entschiedener Gegner der Sklaverei und schloß sich deshalb der Partei Abraham Lincolns an.

In Abwesenheit in Österreich zum Tode verurteilt, konnte Kudlich erst im Jahre 1866 begnadigt und kehrte 1871 zu einem Besuch nach Österreich zurück.

Politisch betätigte er sich nicht mehr, sagte aber in Briefen an seinen Neffen Hermann Krommer in Troppau in düsteren Prognosen den Zerfall der Donaumonarchie im Nationalitätenkonflikt voraus. Er beklagte, daß das deutsche Reich dem kulturellen Daseinskampf der Deutschen in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie teilnahmslos gegenüber stand. Den radikalen Antisemitismus Schönerers auf der deutschnationalen Seite lehnte er aber entschieden ab.

Das Vermächtnis Kudlichs ist die Bauerbefreiung, die er im Reichstag von Kremsier durchgesetzt hatte. Auch die siegreiche Reaktion wagte nicht, dieser Errungenschaft zurück zu nehmen.
In der Festschrift zur gleichnamigen oö. Sonderausstellung von 1978 im Schloßmuseum von Linz („Das Jahr 1848 in Oberösterreich und Hans Kudlich“, Linz 1978) gedenkt der Mitautor Friedrich Prinz seiner mit folgenden Worten:
„Hans Kudlich war ein großer Deutschösterreicher und ein bedeutsamer Deutschamerikaner. Sein Vermächtnis ist der freie, politisch mündige Bauernstand, ohne dessen Existenz auch heute jedes Staatswesen in seiner Lebensgrundlage bedroht ist“.

Wir verdanken den Ereignissen des Jahres 1848 aber auch  alle Freiheiten deren wir uns heute erfreuen, denn die Sehnsucht danach, die im Jahre 1848 so stürmisch erwacht war, konnte auch die darauffolgende Unterdrückungsperiode nicht erstickt werden.

Bereits im Jahre 1860 löste die deutschliberale Regierung unter Staatsminister Schmerling die Epoche der Reaktion ab und 1861 wurde die erste liberale Verfassung nach der Revolution erlassen. 1867 wurde das Werk durch das Staatsgrundgesetz gekrönt, in welchem die auch heute noch gültigen Bürgerrechte festgeschrieben wurden. Es gehört zu den Besonderheiten der 2. Republik, daß diese jene Bürgerrechte wieder schrittweise zurück zu nehmen versucht (Lauschangriff, „Reform“ des Vereinsrechtes etc.).

Der bürgerliche Rechts-, Verwaltungs- und Verfassungsstaat der zweiten Hälfte des 19. Jhdts. bis in unsere Zeit hat somit in den Errungenschaften des Jahres 1848 Ursprung und Wurzeln.

Wohl gerade aus diesem Grund wählten jene Männer, die das Jahnsche Turnen in Linz pflegen als äußeres Symbol eine Fahne der Akademischen Legion von 1848, die nach Ende der Revolution nach Linz gebracht worden war. Jene Fahne war vom Magistrat Linz aufbewahrt worden und im Jahre 1863 an den Linzer Turnverein übergeben worden.
Die Fahne war eine Gabe der Wiener Frauen an die Studenten und kam nach Linz, nachdem die Revolution niedergeschlagen worden war.

Die Fahne wurde der Stadt Linz mit der ausdrücklichen Weisung übergeben, „sie, wenn ein neuer Verein sich gründet, der die Gedanken des Jahres 1848 zu seinen Leitsätzen macht, diesem zu verleihen“.

Bis zum heutigen Tage hält der Linzer Turnverein in der Prunerstraße diese Fahne in Ehren. Von den Idealen des Jahres 1848 hat man sich aber leider in vielen gesellschaftlichen Bereichen weit entfernt. Intoleranz und „politische Korrektheit“ prägen wieder das innenpolitische Klima. An die Stelle der Metternichschen Vorzensur ist die gesellschaftliche und politische Ausgrenzung Andersdenkender getreten. Auch die Korporationen – die Träger der Ideale von 1848 - bekommen dies zu spüren. Den Geist der Freiheit gegen Gesinnungsdruck und Bevormundungsgeist aufrecht zu halten und für eine offene Gesellschaft einzutreten, das muß Verpflichtung für all jene sein, die sich auf das Erbe von 1848 berufen.

 

Literatur:

  • Dr. Karl von Görner: „Das Jahr 1848 in Linz und Oberösterreich“, nach
    zeitgenössischen Quellen
  • „Hundert Jahre Turnen“, Festschrift des Allgemeinen Turnvereines Linz, Linz 1962
  • Hans Bednar: „Das Jahr 1848 in Oberösterreich mit besonderer Berücksichtigung von Linz“, phil. Diss. Wien 1936
  • Dr. Mayrhofer – Dr. Katzinger: „Geschichte der Stadt Linz“, Linz 1990
  • Niederhauser: „1848 – Sturm im Habsburgerreich“, 1990
  • Viktor Drouot: „Ordnung für die Nationalgarde 1848“,  Linz 1848
  • Heinz Rieder: „Die Völker läuten Sturm – Die europäische Revolution 1848/49“,
    Wiesbaden 1997
  • Oskar Waas: „Die Pennalie“, Graz 1967
  • Moritz Smets: „1848. Geschichte der Wiener Revolution“, Wien 1972
  • „Das Jahr 1848 in Oberösterreich und Hans Kudlich“, Festschrift und Katalog zur gleichnamigen Sonderausstellung in Linz 1978, 2 Bde.

 

© 2014 Landes Delegiertenconvent Oberösterreich